Meine Geschichte

Lange dachte ich, dass ich meine Geschichte wie einen Mantel ablegen kann. Ablegen muss. Um nach vorne schauen zu können, anstatt in der Vergangenheit zu leben.

Gelernt habe ich statt dessen, dass unsere Geschichte, also alles Gute und auch alles nicht so Gute, zu uns gehört, uns Kontur gibt. Und dass wir sie in unser Leben integrieren müssen, um auch zeigen zu können, wer wir sind.

Das Integrieren meiner persönlichen Geschichte in mein Leben brachte mich
zum systemischen Familiencoaching.


Ich bin 10 Jahre alt. als mein Vater, während ich neben ihm im gleichen Doppelbett schlafe, ein junges Mädchen sexuell bedrängt und ihr Gewalt antut.

Ich wache kurz auf von den Geräuschen, schlafe gleich wieder „weg“ und brauche Jahrzehnte, bis ich mich diesem Ereignis vollständig stellen kann. Vor allem, weil ich es bin, der auf seine Anregung hin die Mutter des Mädchens gefragt hatte, ob sie bei uns im Zimmer schlafen könne.

So werden wir beide mißbraucht. Ich “nur” psychisch und nicht zum ersten Mal.
Meine Fotoalben aus der Kindheit sind voll mit „meinen Freundinnen“, gleichaltrigen Mädchen, die mein Vater zu unserem Wocheenendhaus mitnimmt, ich bin der Lockvogel.

Ich habe meinen Vater geliebt. Er war für einen Buben der beste Vater, den man sich wünschen konnte. Seine Neigung zu Mädchen war mir bis zu diesem Ereignis nicht bewusst. Dass er eine narzisstische Persönlichkeitsstörung hatte und dadurch keinerlei Schuldgefühl, auch nicht.
Und dass ich vor ihm gerettet werden musste ebenso nicht.

 

Es ist dann ein besonderer Coach, der mich rettet. Ein evangelischer Pfarrer mit langem Rauschebart. Hippie, Freigeist, sogar was Religion betrifft. Beeindruckend von der ersten Stunde an, gibt er meinem verwirrten Geist Nahrung und schafft einen Gegenpol zu meinem richtungsbestimmenden Vater, welcher noch dazu ein Kriegstrauma hat, täglich von Stalingrad spricht, und noch immer heimlich Nazi ist.

Der Pfarrer läßt mich sein, wie ich bin. Er beschuldigt meinen Vater nicht, sondern gibt mir die Möglichkeit zu verstehen und mir meine eigene Meinung zu bilden. Und ich treffe meine Entscheidungen, trenne mich von der geistigen, klammernden Umarmung meines Vaters und erschaffe mich.

Und ich bin Protest. Ganz und gar.

Gut ist, was ich will. Und ja nicht sein, was er will. Diese Haltung, dieser festgefahrene Glaubenssatz (und da spreche ich nicht von Religion) bestimmt mein Leben sehr lange. Geschaffen in der Phase, in der wir uns selbst finden, in der Pubertät. So wie die Hitlerjugend meinen Vater erschaffen und ihm Glaubenssätze eingesetzt hatte, die leider bis ans Ende seiner Tage für ihn Gültigkeit hatten.

Der Protest lässt mir lange Haare wachsen, der Protest lässt mich das Gymnasium abbrechen und nicht Zahnarzt werden, wie mein Vater das will. Der Protest lässt mich eine Lehre machen statt Schule, um von ihm unabhängig zu sein. Der Protest lässt mich meine Heimatstadt in Oberösterreich verlassen und nach Wien ziehen. Weit weg von ihm.

Später lässt mich der gleiche Protest von einer Frau scheiden, mit der ich drei kleine Kinder habe und die mich wie er umklammert und hintergeht. Viel zu lange hatte ich gebraucht, um zu erkennen, dass ich mir eine Narzisstin ausgesucht hatte. Das tun wir oft.

Wir suchen meist unseren Vater oder unsere Mutter in den PartnerInnen.

Hier beginnt mein Werdegang als Coach. Ich starte eine Ausbildung. Um meinen Beruf in der anstrengenden Scheidungszeit noch ausführen zu können (die Führung eines Unternehmens mit 15 Mitarbeitern). Auch um für meine Kinder und mich gute Entscheidungen treffen zu können.

Zum Beispiel die Entscheidung, ob ich mich mit 3 kleinen Kindern im Alter von 1,3, und 5 Jahren scheiden lassen kann und soll. Ja, ob es sogar gut sein kann für sie, hatte sich doch meine eigene Mutter nicht von meinem Vater trennen können und uns Kinder dadurch 20 Jahre im Familienkrieg leben lassen.

Unsere Vergangenheit bestimmt unsere Zukunft.
Vor allem, wenn wir kein Bewusstsein zu ihr haben.

Ich muss mich der Frage stellen, ob eine Entscheidung für mich, ein Ja zu mir und meinem freien Leben, auch gut für alle anderen sein kann.

Und wieder hilft es mir, an Coaches zu geraten, die mich nicht beeinflussen, sondern mir die Möglichkeit geben, meine eigene Entscheidung zu treffen. Diese Ent-Scheidung bringt mich in meine nächste Lebensphase.

Alleine wohnen, Wochenendpapa, eine neue Beziehung mit einer Mutter von zwei Kindern und dann eine Patchworkfamilie mit 5 Kindern. Und ein Sabatical, nachdem mich mein Job nicht mehr erfüllt und ich Neues machen will.

Wenn sich Entscheidendes im Leben ändert, dann stellen sich alle Weichen neu.

Nach drei Jahren Beziehung und einer Paartherapie gingen wir aber in Frieden auseinander. Ein weiteres Scheitern. Das Gefühl zu haben, gescheitert zu sein ist die größte Hürde und der größte Schmerz, wenn Familien auseinander gehen.

Wir leben in keiner Kultur, in der dem Scheitern auch Positives abgewonnen werden kann. Und wir leben gleichzeitig leider auch in keiner Gesellschaft, in der an Beziehungen noch aktiv gearbeitet wird.

Ich finde mich alleine in einer Wohnung für eine 7köpfige Familie vor. Was tun? Lösungen finden, die die meinen sind, in meinem Tempo. Also nicht gleich ausziehen, aus Panik, nicht überleben zu können. Sondern Studenten als Untermieter rein nehmen, Kosten reduzieren, Kupplung treten und warten, bis ich bereit bin, wieder einen Gang einzulegen.

Den eigenen Hirntango kurz mal stoppen, konkrete Schritte überlegen und setzen.
Das mag ich auch am Coaching.

Es ist ein Intermezzo, eine Zwischenlösung. Abkehr vom Familienleben. Gefühlt ein Rückschritt, real ein Fortschritt. Gute Begegnungen mit Menschen aus anderen Ländern, die hier studieren. Mit jungen Menschen, die das ganze Leben noch vor sich haben und hoffnungsfroh in die Zukunft stapfen. Und für mich gute Lehrmeister. Zugegeben, nicht immer braucht es einen Coach, und manchmal kann man sich selber auch gut Coach sein.

Und ich gründe wieder ein Unternehmen, voller Energie. Und führe es 9 Jahre lang. Scheitern kann auch reinigend sein.

Am Wochenendpapa-Dasein darf ich den Schmerz des Verschmolzen- und gleich darauf Getrennt-Seins von meinen Kindern erfahren. Anstrengung von einem Wochenende, alleine mit 3 Kindern, wechseln ständig mit dem Schmerz des Vermissens, am gleichen Abend des Loslassens zu ihrer Mutter. Ein neues Bewusstsein von Elternschaft entwickelt sich. Vater zu sein, ohne immer für die Kinder da sein zu dürfen.

Dann stirbt mein eigener Vater.
Und Schmerz und Wut prasseln auf mich ein. Schmerz, weil ich den geliebten Vater verloren habe, mit dem ich mich in den letzten 10 Jahren seines Lebens seit meiner Scheidung seltsamerweise gut verstanden hatte. Der meinen Kindern ein guter Opa war, wie mir auch ein Vater, trotz Allem.
Wut, weil ich mich der dunklen Seite des gehassten Vaters stellen muss, weil ich mit seiner Schuld leben muss, die gefühlt nun meine ist. Wut, weil ich ihn dennoch liebe.

Systemische Familienaufstellungen helfen mir in dieser Phase. Ich kann mich so mit ihm konfrontieren, obwohl er nicht mehr da ist. Ich kann ihm sein Schuld übergeben und mich von dieser befreien.

Und dennoch feiern alle meine Gefühle ein Fest in mir und buhlen ums gesehen werden. 

Ich konfrontiere mich mit meiner Wut gegenüber meinem Vater und vermische sie mit meiner Ohnmacht aus dem Besuchsvater-Dasein. Ich will mehr Vater sein und versuche, die Besuchsregelung meiner Kinder zu verändern. Das will ich auf friedlichem Weg erreichen, mit Unterstützung des Jugendamtes. Doch dort gibt es keine Unterstützung. Man rät mir, Anträge zu stellen.

Das Gegenteil von gutem Coaching ist dort zu finden. Amtsweg und Bürokratismus, wo es Empathie und Wohlwollen zur Veränderung bräuchte.

Im gleichen Jahr, in dem mein Vater stirbt, verliere ich so meine 3 Kinder. Eine Bindung, die ich immer so eng erlebte, und so viel besser als meine Bindung zu meinem Vater, findet von einem Tag auf den anderen sein Ende. Und seit mittlerweile 10 Jahren sehe ich meine 3 ersten Kinder nicht mehr. Wieder eine Aufgabe des Lebens.

Wie kann man mit so einem Verlust umgehen? Ich kann es nur von der Vaterseite aus berichten. Ganz lange Zeit garnicht. Nach einigen Jahren als Väteraktivist, langwierigen Gerichtsverfahren, vielen Coachings und Therapien, Ausbildungen zum Coach und Mediator (auch um verstehen zu lernen, was nicht zu verstehen ist), nach vielen Familienaufstellungen, ja selbst nach der Gründung einer neuen Familie mit erneutem Vaterwerden, waren Wut und Trauer dennoch noch da.

Gut gemeinte Ratschläge, die Kinder doch los zu lassen, fruchteten nicht bei mir. Wie soll man auch seine Kinder loslassen können?

Dann bekomme ich plötzlich, aus dem Nichts, eine halbseitige Gesichtslähmung.

Wenn der Geist nicht hört, gibt ihm der Körper eine mit. Eine ordentliche Tachtel.

Eine Gesichtslähmung (Fazialisparese) kann aus medizinischer Sicht verschiedenste Ursachen haben. Viren, Borreliose, etc. Wenn das alles nicht zutrifft, gibt es auch noch die Art, zu der die Schulmedizin keine Erklärung hat. Unerforscht.

Dieser Fall ist bei körperlichen Symptomen immer der Spannendste. Und der traf bei mir natürlich zu.

Mit einer Gesichtlähmung kann man kaum mehr lachen oder Emotionen zeigen. Das Auge der gelähmten Seite schließt nicht mehr richtig, in der Nacht droht es auszutrocknen, keine Tränenflüssigkeit mehr, man würde auf einem Auge blind werden. Die Lähmung kann dauerhaft sein und im Grunde genommen kann man medizinisch kaum etwas tun.

Also stelle ich mir die Frage: Was will das Leben von mir? Was läuft falsch?

Und ich komme ganz schnell auf meine 3 ersten Kinder. Und auf die Wut. Nicht Wut auf die Kinder, sondern auf die Situation. Auf die Unmöglichkeit, richtig darauf zu reagieren. Und auf das Thema Loslassen.

Und ich lasse sie los. Weil ich muss. Mit dem schwer erarbeiteten Gedanken, dass es sein kann, dass ich sie nie mehr wieder sehe. Und mit einem letzten Brief. Einem Brief an meine kleinste Tochter, die Matura hatte, 18 wurde und wie die anderen Kinder auch zu diesem Anlass meine Anregungen fürs Leben bekommt.
Aber auch den wichtigsten Rat an sie. Hör nicht auf andere, auch nicht auf mich, und…

Geh deinen eigenen Weg.

Und plötzlich, mit dem Loslassen,  wird Energie frei für meine neue Familie. Und für mich…

 

Ich bin systemischer Coach, weil ich erfahren habe, wie wichtig eine gelöste Vergangheit für unsere Zukunft ist. Weil ich weiß, wieviel Energie und Kraft darin steckt, es mit sich selbst aufzunehmen und seinen Weg zu finden. Weil es etwas mit unseren Kindern macht, wenn wir selber in einem guten, aufgeräumten Zustand sind.

Und weil es mir große Freude bereitet, Menschen auf ihrem Weg zu unterstützen.

Meine eigene Geschichte hilft mir, andere zu verstehen. Und Verstehen heißt für mich, ein offenes Ohr und Herz zu haben für die Untiefen des menschlichen Seins.

 

Es ist was es ist. Sagt die Liebe.
(Erich Fried)

 

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